Hiermit bestätige ich, dass ich einen medizinischen oder pharmazeutischen Beruf ausübe [Ärzt*in, Apotheker*in, Pharmazeutisch-technische*r Assistent*in (PTA), Medizinische*r Fachangestellte*r (MFA)].
BadgesStudien
Barrieren für die Versorgung von älteren Menschen mit ADHS
Autor*in Studienreferat
Friederike Klein, München
Originalpublikation
Goodman DW et al. Why is ADHD so difficult to diagnose in older adults? Expert Rev Neurother 2024; 24: 941–944. doi: 10.1080/14737175.2024.2385932.
Fazit
Es gibt eine Reihe von Barrieren für eine adäquate Versorgung von älteren Erwachsenen mit ADHS. Wichtig sind Aufklärung und Fortbildung, um die Störung zu erkennen – auch als behandelbare Differenzialdiagnose einer milden kognitiven Störung. Dringend notwendig ist die Verbesserung der diagnostischen Kriterien für ältere Menschen. Die Autor*innen fordern zudem eine öffentliche Förderung von Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit der pharmakologischen Therapie der ADHS bei über 60-Jährigen.
Angaben zur Prävalenz der ADHS bei über 50- oder 60-Jährigen sind spärlich. Nach einer Metaanalyse wird mit validierten Skalen in der älteren Bevölkerung eine Prävalenz von 2,18% gefunden. Werden klinische Diagnosen nach Krankenakten zugrunde gelegt, liegt die Prävalenz nur bei 0,23% – ein Beleg für eine verbreitete Unterdiagnose, erläuterte David W. Goodman von der Abteilung für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore in einem Editorial zusammen mit Koautor*innen. Im DSM-V wurde gegenüber Vorgängerversionen zwar eine Anpassung im Hinblick auf Präsentationen der Störung im Erwachsenenalter vorgenommen, letztlich bleibt die Basis der Symptombeschreibung aber analog zu der bei ADHS im Kindes- und Jugendalter. Es gibt erste Screeningtools speziell für über 60-Jährige, die Verlässlichkeit der Tests ist aber noch verbesserungswürdig. Pharmakologische Studien haben ältere Menschen in der Regel ausgeschlossen und wo über 50-Jährige mit eingeschossen wurden, gibt es keine Subgruppenanalyse zu dieser Altersgruppe.
Klinische Perspektive
Da es keine Fortbildungen zu ADHS im höheren Lebensalter gibt und Erfahrungen mit Menschen mit ADHS über 60 Jahren fehlen, wird die Störung bei älteren Menschen in der klinischen Routine häufig übersehen. Dazu kommt, dass viele Gesundheitsprofis bewusst eine weitere Diagnose vermeiden möchten, um damit nicht weiter zu einer Polypharmazie beizutragen. Sie setzen häufig voraus, dass sich die Betroffenen ein Leben lang gut an ihre Störung angepasst haben und dass eine Diagnose eher die Lebensqualität beeinträchtigen könnte. Die Pharmakotherapie wird als riskant angesehen. Diagnostisch und therapeutisch machen potenzielle Differenzialdiagnosen und die häufigen Komorbiditäten das Vorgehen komplex, beispielsweise eine milde kognitive Beeinträchtigung, hinter der auch eine kognitive Störung durch die ADHS stecken kann.
Dabei kann die Diagnose dem Betroffenen helfen, besser zu verstehen, wer er/sie ist und was die Störung ausmacht. Die Therapie kann Symptome verringern und die Alltagsfunktion und Lebensqualität verbessern. Bei einer Pharmakotherapie zu beachten sind insbesondere kardiale Komorbiditäten. Bislang gibt es keine Hinweise, dass die gelegentlich auftretende Erhöhung der Herzrate und des Blutdrucks bei Stimulanzientherapie bei Erwachsenen zu zusätzlichen kardialen Ereignissen führt. Allerdings gibt es keine dezidierten Untersuchungen bei über 60-Jährigen. Aus der Erfahrung heraus berichten Goodman et al. von einer guten Wirksamkeit der Pharmakotherapie der ADHS auch im höheren Lebensalter. Sie empfehlen den Nutzen gegen mögliche Risiken im Einzelfall abzuwägen und dabei gegebenenfalls auch Hausarzt/Hausärztin oder Kardiologen/-in einzubeziehen. Die Behandlung der ADHS im höheren Lebensalter ist herausfordernd. Das sollte aber nicht dazu führen, die Bedarfe der Betroffenen zu ignorieren.