Hiermit bestätige ich, dass ich einen medizinischen oder pharmazeutischen Beruf ausübe [Ärzt*in, Apotheker*in, Pharmazeutisch-technische*r Assistent*in (PTA), Medizinische*r Fachangestellte*r (MFA)].
BadgesStudien
Wenig Evidenz zu ADHS bei älteren Erwachsenen
Autor*in Studienreferat
Friederike Klein, München
Fazit
Die Liste notwendiger Forschungsaktivitäten der Autor*innen ist lang: Nötig wären beispielsweise epidemiologische Studien, um die Häufigkeit der ADHS bei über 50-Jährigen besser einschätzen zu können, longitudinale Studien, die Betroffene bis ins höhere Lebensalter verfolgen, um die Veränderung der diagnostisch relevanten Kriterien zu validieren, und randomisiert-kontrollierte Studien zu ADHS-Therapien für ältere Erwachsene, um evidenzbasierte Empfehlungen geben zu können.
Maja Dobrosavljevic von der medizinischen Fakultät der Universität von Örebro in Schweden und Koautor*innen sichteten die aktuelle Literatur zu Prävalenz, funktionellen Einschränkungen und Komorbididäten von ADHS über die Lebensspanne hinweg und prüften Screening- und Diagnosekriterien und -instrumente sowie die Evidenz für Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene ab 50 Jahren. Longitudinale Studien, die Menschen mit ADHS ab dem Kindesalter beobachteten, endeten meist im Alter von 25 Jahren. Klinische Studien schlossen ältere Menschen aus. Daher ist die Datenlage zu Präsentation und Management der Erkrankung im höheren Erwachsenenalter begrenzt, stellten sie fest.
Diagnose und Differenzialdiagnose
Beschrieben sind für ältere Menschen mit ADHS ähnlich wie für jüngere Erwachsene relevante funktionelle Einschränkungen, eine verschlechterte Lebensqualität und ein erhöhtes Risiko für psychiatrische wie somatische Komorbiditäten. Die jüngsten Versionen von DSM (DSM-5) und ICD (ICD-11) berücksichtigen die Gruppe der Erwachsenen mit ADHS mit einer veränderten Präsentation von Symptomen. So wurde die Zahl der notwendigen Kernsymptome für eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter auf 5 reduziert und der Beginn der Symptome auf ein Alter bis 12 Jahre angehoben. Menschen mit partieller Remission einer ADHS werden seit der letzten Aktualisierung berücksichtigt und es gibt auch Ausführungen zu Symptommanifestationen speziell im Erwachsenenalter.
Eine große Herausforderung im höheren Lebensalter ist die Differenzialdiagnose bei vermuteter ADHS. Verschiedene andere Erkrankungen können zu einem ADHS-ähnlichen klinischen Erscheinungsbild führen, beispielsweise Medikamentenübergebrauch oder Substanzkonsum sowie eine milde kognitive Störung. Die Autor*innen empfehlen, bei ADHS-artigen Symptomkonstellationen von Älteren primär immer erst eine mögliche andere Ursache zu vermuten und abzuklären.
Behandlung
Klinische Leitlinien geben aktuell kaum Empfehlungen speziell für die Therapie der ADHS im höheren Erwachsenenalter. Analog zu den Empfehlungen bei jüngeren Erwachsenen sollte ein multidisziplinärer und multimodaler Ansatz mit Psychoedukation, Psychotherapie und Pharmakotherapie verfolgt werden. Bevor eine pharmakologische Therapie erwogen wird, sollten bei über 50-Jährigen Gesundheitszustand und Komorbiditäten erfasst werden, die durch die ADHS-Medikamente potenziell verschlechtert werden könnten, beispielsweise ein erhöhter Blutdruck oder eine hohe Herzrate. Auch Komedikationen mit Interaktionspotenzial sind zu berücksichtigen. Evidenz zur Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten bei ADHS im höheren Erwachsenenalter gibt es kaum. Die medikamentöse Therapie scheint nach den Daten, die es gibt, wirksam und sicher zu sein, es sind aber größere Studien und insbesondere randomisiert-kontrollierte Studien in der Altersgruppe der über 50-Jährigen zu fordern. Dann können auch nationale und internationale Leitlinien evidenzbasierte Behandlungsempfehlungen speziell für ältere Erwachsene abgeben.