ADHS-Forschung: Standardisierung und Langzeitstudien erforderlich
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist schon vor einigen Jahren langsam aus der gesellschaftlichen Tabu-Ecke gerückt und wird auch auf wissenschaftlicher Ebene in zahlreichen Studien und Übersichtsarbeiten thematisiert. Erstautorin A. Chaulagain et al. wollten sich vor diesem Hintergrund einen Überblick zum bisherigen Forschungsstand verschaffen und haben nun einen systematischen Metareview veröffentlicht.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist während der letzten Jahre immer mehr in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen gerückt und wurde somit Gegenstand zahlreicher systematischer Übersichtsarbeiten und Metaanalysen. Da diese Arbeiten allerdings unterschiedliche Schwerpunkte setzen und in Hinblick auf ihre methodische Qualität deutlich variieren, haben Erstautorin A. Chaulagain und ihre Forschungsgruppe nun die Ergebnisse eines systematischen Metareviews auf Grundlage systematischer Reviews publiziert.
Die Grundlage ihrer Arbeit bildete dabei eine systematische Literaturrecherche in folgenden Datenbanken:
- MEDLINE
- PubMed
- PsycINFO
- Cochrane Library
- Web of Science
Eingeschlossene Studien waren systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zur ADHS. Im Rahmen der Auswertung konzentrierte sich die Forschungsgruppe dann vor allem auf die berichteten Prävalenzen, betroffene Altersgruppen, biologische und soziale Risikofaktoren sowie die Evidenzlage verschiedener Therapieverfahren. Auf methodischer Ebene griffen die Autor*innen auf die aktuellen PRISMA-Richtlinien zur Verfassung von Übersichtsarbeiten zurück.
Heterogene Studienlage
Die Literaturrecherche resultierte zunächst in 1161 Treffern. Nach Anwendung von Ausschlusskriterien verblieben 231 Übersichtsarbeiten für die narrative Synthese. Im Laufe der Jahre, zwischen 1999 und 2021, zeigte sich eine deutliche Zunahme der jährlich publizierten Reviews. Während sich die ersten Arbeiten hauptsächlich auf die Pharmakotherapie konzentrierten, ging es im Jahr 2021 häufig um nicht pharmakologische Behandlungen, genetische und umweltbedingte Risikofaktoren sowie um Prävalenzen und Komorbiditäten.
Mit Blick auf die konkreten Inhalte ergab sich eine ADHS-Prävalenz von 7,2 % bei Kindern und Jugendlichen sowie von 2,5 % bei Erwachsenen mit einer großen methodischen Heterogenität der herangezogenen Literatur und erheblichen Unsicherheiten. Bezüglich der Risikofaktoren zeigte die Auswertung sowohl Hinweise auf biologische als auch auf soziale negative Einflüsse. Dabei waren die beschriebenen Zusammenhänge meist korrelativer Natur und standen unter Einfluss verschiedener Störfaktoren.
Die Analyse der publizierten Übersichten zur Therapie ergab starke Belege für die Wirksamkeit einer medikamentösen Behandlung zur kurzfristigen Symptomreduktion, insbesondere für Stimulanzien. Dagegen mussten die bislang berichteten Belege für die Wirksamkeit der Pharmakotherapie zur Milderung negativer Lebensverläufe, Substanzmissbrauch, Suizidalität und Kriminalität als begrenzt betrachtet werden. Die häufigsten Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie waren schließlich Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Bluthochdruck, wobei mit Blick auf Nebenwirkungen bei Langzeitanwendung zahlreiche Fragen offenblieben.
Die Autor*innen sprechen daher in ihrem Schlussfolgerungen von einer sehr heterogenen Studien- und Evidenzlage und halten zur Erweiterung des ADHS-Grundlagenwissens die Einführung von Standards sowie die Durchführung von Langzeitstudien für unbedingt erforderlich. Trotz bereits Hunderter veröffentlichter systematischer Übersichtsarbeiten blieben zentrale Fragen unbeantwortet, darunter beispielsweise zur Kausalität möglicher Risikofaktoren sowie zur Wirksamkeit einer nicht pharmakologischen Therapie.
Fazit:
Trotz zahlreicher systematischer Übersichtsarbeiten zu verschiedenen Aspekten der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bleibt die aktuelle Evidenzlage uneinheitlich und lückenhaft. Um Antworten auf die vielen noch offen Fragen finden zu können, halten die Autor*innen daher die Einführung von Standards und Durchführung weiterer methodisch hochwertiger Langzeitstudien für unbedingt erforderlich.
Quelle:
Autorin Studienreferat: Dipl.-Psych. Annika Simon, Braunschweig