Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat das Krankheitsbild der Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf konzeptioneller Ebene einen Entwicklungsprozess durchlaufen, und bedeutet heute viel mehr als eine reine psychiatrische Diagnose. Banaschewski et al. haben sich in diesem Zuge mit ADHS als sozialem Konstrukt befasst und thematisieren in ihrer theoretischen Analyse vor allem die steigenden Prävalenzen sowie den Medikamentengebrauch.

Die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hat während der letzten 5 Jahrzehnte einen eindrücklichen Wandlungsprozess durchlaufen und wird heute vor allem mit steigenden Prävalenzen und dem häufigen Einsatz von Psychostimulanzien zur Therapie bei betroffenen Kindern und Jugendlichen in Verbindung gebracht. T. Banaschewski et al. haben sich vor diesem Hintergrund nun mit der Bedeutung der ADHS als soziales Konstrukt beschäftigt und ihre Erkenntnisse in Form einer theoretischen Analyse im Januar 2024 im Fachblatt „Frontiers in Psychiatry“ veröffentlicht.

Dabei wollten sie vor allem prüfen, ob ADHS primär als medizinische Störung oder als soziales Konstrukt verstanden werden sollte. Weitere Zielsetzungen umfassten ferner die Analyse der gesellschaftlichen, kulturellen und institutionellen Einflussfaktoren auf Diagnosepraxis und Behandlung sowie die kritische Diskussion der Folgen einer zunehmenden Medikalisierung von Verhaltensmustern im Kindes- und Jugendalter.

Medikalisierung von Verhalten

Die systematische Literaturrecherche ergab zunächst steigende Prävalenzen im Sinne einer zunehmenden Häufigkeit von ADHS-Diagnosen im Kindes- und Jugendalter sowie der Verordnung krankheitsspezifischer Pharmaka, darunter häufig Psychostimulanzien. Dabei konnten die Autor*innen diese Entwicklungen nicht allein durch biologische Faktoren erklären.

Die Symptome von ADHS, beispielsweise Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität, seien vielmehr kontextabhängiger Natur, weshalb diese Erkrankung als soziales Konstrukt betrachtet werden sollte. So bestimmten insbesondere gesellschaftliche Erwartungen, darunter z. B. schulische Leistungsnormen und Verhaltensstandards, ab wann ein bestimmtes Verhalten als pathologisch einzustufen gilt.

Bezüglich der medikamentösen Behandlung erwiesen sich in den betrachteten Studien Wirkstoffe aus der Gruppe der Stimulanzien als wirksam. Die zunehmende Verschreibung werfe dennoch einige Fragen auf und spreche in einigen Fällen für Überdiagnostik und Übermedikation. So bestehe in diesem Zusammenhang die große Gefahr, komplexe psychosoziale Probleme auf eine rein physiologische Störung zu reduzieren und ausschließlich pharmakologisch zu behandeln.

Schließlich diskutiert die Forschungsgruppe den Einfluss kultureller Unterschiede, da die gefundenen Diagnoseraten stark zwischen unterschiedlichen Ländern variierten. Dies spreche erneut für den zusätzlichen Einfluss kultureller und institutioneller Einflüsse über die Wirkung biologischer Faktoren hinaus.

Die Autor*innen betrachten ADHS folglich nicht nur als medizinische Störung, sondern auch als gesellschaftlich geprägtes Phänomen und befürworten auf diagnostischer und therapeutischer Ebene die Verfolgung multimodaler Ansätze mit Vereinigung medizinischer, psychologischer und pädagogischer Sichtweisen. Sie warnen zudem vor einer Medikalisierung von vermeintlich „pathologischen“ Verhaltensmustern und wünschen sich zur Vermeidung von Überdiagnostik und -therapie die kritische Diskussion gesellschaftlicher Normen, die zweifelsohne zur Pathologisierung von Verhaltensmustern einen entscheidenden Beitrag leisten können.

Fazit:

In dieser theoretischen Analyse zur Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) beschreiben die Autor*innen diese Erkrankung als ein komplexes Zusammenspiel von Biologie und Gesellschaft. Sie betrachten ADHS folglich viel mehr als soziales Konstrukt und fordern kritisches Umdenken sowie eine Abkehr von der zunehmenden Medikalisierung vermeintlich pathologischer Verhaltensmuster von Kindern und Jugendlichen.

Quelle:

Autorin Studienreferat: Dipl.-Psych. Annika Simon, Braunschweig